Kritiken

Benedikt Vermeer widmet E.T.A. Hoffmann sein neues Programm im Literaturkeller des Theaterkontors

Schwarzromantische Abende

Weserkurier/ Sigrid Schuer 27.03.2017 

Ostertor. Durch den Literaturkeller, eines der kleinsten Theater der Welt, rauscht die Unheil verheißende Ouvertüre zu Mozarts „Don Giovanni“. In der Champagner-Arie singt Don Juan: „Auf denn zum Feste, froh soll es werden, bis meine Gäste glühen vor Wein!“. Das war auch das Lebensmotto von E.T.A. Hoffmann, dem großen Erzähler der schwarzen Romantik, der, befeuert und berauscht von Rotwein und Champagner, mit überbordender Fantasie und Sprachgewalt seine ebenso spannenden wie abgründigen Geschichten erfand. Benedikt Vermeer, Hausherr des Literaturkellers, hat dem Universaltalent nun sein neuestes Stück gewidmet: „E.T.A. Hoffmann - meine phantastischen Geschichten“.

Benedikt Vermeer hat mit seiner Frau Gala Z den Keller des Theaterkontors an der Schildstraße zu einem der kleinsten Theater der Welt gemacht. Sein neuestes Programm widmet er E.T.A. Hoffmann. (Roland Scheitz)

Und die sind wie gemacht für das nostalgische Ambiente des Literaturkellers, der mit einer Standuhr und Bücherregalen möbliert ist. E.T.A. Hoffmann, der erfolgreiche Jurist, 1776 in Königsberg geboren, traute sich nie, seine wahre berufliche Passion zu leben, die des Musikers, Komponisten und Dichters. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der glühende Mozart-Verehrer, wählte seinen dritten Vornamen nach seinem Lieblings-Komponisten. Und er schilderte in „Don Juan“ die Geschichte einer Mozart-Aufführung, in deren Verlauf er sich in Donna Anna verliebt. Hoffmann schildert Donna Annas knisternde Krinolinen und den Duft ihres Parfums, mit dem sie ihn betört. Es darf als geradezu grandios und genial bezeichnet werden, wie sich Benedikt Vermeer die von Hoffmann entworfenen, komplexen Charaktere anzueignen versteht. Faszinierend ist nicht nur seine enorme Gedächtnisleistung, sondern auch die Kunst, wie er eben jene Charaktere mit großem stimmlichen und mimischen Facettenreichtum zum Leben erweckt.

Nahezu magisch

Es beginnt mit einem geradezu magischen Aufführungsbericht zu Mozarts „Don Giovanni“. Er schildert den Verführer mit der Physiognomie eines Mephistopheles und dem Charakter einer Klapperschlange äußerst plastisch und die von ihm betrogene Donna Elvira, die ihn mit ihrer Eifersucht verfolgt, mit einem Anflug von verblühter Schönheit. Und darüber hinaus nicht nur Don Juans grauenerregende Höllenfahrt, sondern auch den plötzlichen, mysteriösen Tod der von Don Juan begehrten Donna Anna. Dafür schlüpft Vermeer kurzzeitig in die Rolle des Literaturpapstes Marcel Reich-Ranicki. Der arme E.T.A. Hoffmann verdingte sich auch als Musiklehrer in adligen Haushalten. So traktierte ihn unter anderem ein Baronessen-Duo mit seiner schrecklichen Amusikalität, während die füllige Finanzrätin Fräulein von Eberstein die teuflisch schwierige Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“ quiekte. Seine Erlebnisse hat er in „Die Leiden eines Kapellmeisters“ festgehalten. Wie Vermeer überhaupt immer wieder passende Musikstücke in den Abend einstreut, wie Bachs „Goldberg-Variationen“, zu denen sich übrigens der Genuss von Perlweinen vorzüglich eigne, so Hoffmann alias Vermeer während der Genuss von Champagner gerade für Mozart-Opern das Richtige sei. „Ich spielte mich ins Delirium, worauf der Baron das Bewusstsein verlor“, erinnerte sich Vermeer in der Rolle des Hoffmann.

„Der Sandmann“ ist der Titel einer weiteren, gruseligen Geschichte aus der Feder des großen Erzählers. Sie diente, wie auch die Erzählung „Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild“ als literarische Vorlage für Jacques Offenbachs einzige, Fragment gebliebene Oper „Hoffmanns Erzählungen“. In „Der Sandmann“ fällt der Student Nathanael, eigentlich mit der hübschen Clara verlobt, auf die oberflächlichen Reize der von Coppelius konstruierten ebenso unterkühlten wie wunderschönen Roboter-Puppe Olympia herein, die zwar über eine betörende Glockenstimme verfügt, aber nichts zu sagen hat als „Hach!“ Aber er glaubt sich von ihr verstanden, anders als von der kritischen Clara.

Publikum will mehr

Spannend und grässlich zugleich, wie ein Vater Olympias, Coppelius, ihren anderen Erfinder-Vater Spalanzani massakriert und der Protagonist Nathanael sich, wahnsinnig geworden, verzweifelt in die Tiefe stürzt. Wie „Mann“ sich aus lauter Liebe zum Narren macht, erzählt der Dichter, selbst nicht gerade ein Beau, der Zeit seines Lebens wenig Glück bei den Frauen hatte, in „Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild“: Die zufällige Wiederbegegnung mit seiner einstigen großen Liebe Julie oder Giuglietta endet mit einer einzigen Demütigung. Hoffmann, der Opernfan, schilderte aber auch höchst plastisch seine Begegnung mit einem mysteriösen, universalgelehrten Fremden, der sich als Ritter Christoph Willibald Gluck entpuppt, dem Opernreformator und Komponisten der „Alceste“, der „Almira“ und von „Orfeo ed Euridice“. Mit dem Universum von Hoffmanns Erzählungen ließe sich noch eine Vielzahl von Abenden im Literaturkeller des Theaterkontors an der Schildstraße bestreiten. Das lässt Benedikt Vermeer zum Schluss durchblicken. Das Publikum ist sich einig: „Mehr davon!“

 

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Weserkurier zu E.T.A. Hoffmann-Premiere
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Im Keller der Geschichte(n) – Literaturkeller Bremen

17. Januar 2017 Rike Oehlerking

Kultur & Events, Kurioses & Döntjes, Tradition & GeschichteKultur, Literaturkeller, Theater

Es mag schon an die zwei Jahre her sein, als ich bei einer Vorstellung im Literaturkeller war. Dennoch steigen sofort wieder Erinnerungen an den Abend in mir hoch, als ich den urig mit Holz verkleideten Kellerraum betrete. Diesmal bin ich tagsüber zu Besuch und lasse mir vom Theaterbetreiber Benedikt Vermeer die Geschichte hinter den Geschichten erzählen.

Das kurzweilige Stündchen meines letzten Aufenthalts ist mir noch gut im Gedächtnis. Vor allem Benedikt Vermeers Stimme hat sich offensichtlich fest darin verankert. Zumindest habe ich bei der Begrüßung mit dem Schauspieler direkt wieder Bilder vom damaligen „Faust“-Abend vor Augen.

So ein Besuch im „kleinsten Theater der Welt“, wie der Weser Kurier den Literaturkeller einst betitelte, bleibt unvergessen. Alles daran ist besonders und in erfrischender Weise anders, als man es von einem üblichen Theaterabend kennt. Gäste werden persönlich am Hauseingang des alten Kontorhauses in der Schildstraße in Empfang genommen und in die Katakomben geleitet. Dort nehmen sie in einem winzigen Raum so nah nebeneinander Platz, dass sich ihre Schultern berühren. Ich erinnere mich noch gut an das kurzzeitig befremdliche, dann durchaus aufheiternde Gefühl mit gut 20 Menschen auf so engem Raum zu sein. Der uralte Kellerraum im ehemaligen Verwaltungsgebäude des angrenzenden Lagerhauses (heute Kulturzentrum) strahlt Schutz und Geborgenheit aus. Das dunkle Holz der Vertäfelung und Samtstoffe tragen ihren Teil dazu bei. Die heimelige Stimmung ist so eindringlich, dass es für die Theaterstücke kaum noch Requisiten, nur ein bisschen Kostümierung und vor allem so gut wie keine Kulisse braucht. Das ist auch gut so – all das hätte neben den Spielenden im Bühnenbereich ohnehin keinen Platz mehr.

In der Kürze liegt die Würze

„Faust in 40 Minuten“ hieß es damals – und tatsächlich, so erinnere ich mich, ist das Stück, das auch heute noch regelmäßig im Programm zu finden ist, so sehr auf seine Essenz komprimiert, dass es geradezu zur rasant unterhaltenden Kurztragödie wird. Bestens vorgetragen und gespielt vom Theaterbetreiber Vermeer. Inzwischen haben er und seine Frau Gala Z., die das Theater gemeinsam 2009 gründeten, 18 Stücke im Repertoire. Von Goethe und Schiller über Heine und Tucholsky bis hin zur Biographie der Schauspielerin Sarah Bernardt oder Wilhelm Busch – ein abwechslungsreiches Programm voller Geschichten, die allesamt von den Theatermachern selbst für den Literaturkeller zurecht geschrieben wurden. Ohnehin machen die beiden eigentlich alles selbst. Für neue Stücke laden sie sich ab und zu jemanden ein, der mit dem Blick der Endregie noch einmal zuschaut. Meistens aber führen sie selbst gegenseitig Regie, bearbeiten die Stücke und entwickeln Licht- und Tonkonzept.

Durch die räumliche Nähe, die für viele schon an sich eine kleine Herausforderung darstellen dürfte, hat so ein Theaterstück im Literaturkeller seine ganz besondere Intensität. Deswegen dauern die Stücke nicht länger als sechzig Minuten. Genau richtig – alles andere wäre einfach zu viel des Guten.

Klein aber fein

Die Idee, in dem kleinen Kellerraum ein Theater zu eröffnen, entstand vor gut acht Jahren. Damals waren die beiden mit einer Theatergruppe oben im Haus auf einer Bühne zugegen und lagerten im Keller Kulissen und Requisiten. „Irgendwann kam es dazu, dass wir den Keller mal ganz leer geräumt haben“, erinnert sich Benedikt Vermeer – übrigens kein Künstlername, sondern der echte. „Erst da tat sich die Schönheit dieses Raums auf.“ Als Versuchsprojekt gingen sie anfangs mit einer Vorstellung pro Woche an den Start. Nach einem Jahr waren die Vorstellungen stets ausgebucht, sodass sie nach und nach ihr Programm erweiterten. Inzwischen umfasst der Spielplan mindestens drei Abende pro Woche, meistens sogar mehr.

Geschichtsträchtige Wände

Während meines Besuchs wird mir die Besonderheit des Literaturkellers noch einmal deutlich. Allein die Tatsache, dass wir in einem ehemaligen privaten Weinkeller eines Hauses von 1870 sitzen, begeistert mich. Hier ist 150-jähige Geschichte spürbar. Alte Bücher in den Wandregalen und das Ticken einer 100 Jahre alte Standuhr unterstreichen das altertümliche Ambiente. Die Uhr sowie eine Spieluhr mit zwölf verschiedenen Liedern stammen von Vermeers Urgroßvater. „Er hat beides mit den eigenen Händen erbaut“, erzählt Vermeer. „Es ist schön, dass diese Gegenstände sich hier so gut einfügen und noch Verwendung finden.“

Pay as much as you can

Gezahlt wird übrigens erst am Ende des Abends und zwar soviel, wie man eben kann oder möchte. Wenn man einen Gutschein verschenkt, dann kostet dieser 20 Euro – das sei in etwa der Richtwert, sagt Benedikt Vermeer. Aber es gibt letztlich keinen festen Preis. Auch das ist ein Aspekt, der das Theater von anderen unterscheidet. Beim Verlassen des Kellers freue ich mich darüber, dass das eher unkonventionelle Bezahlkonzept so gut funktioniert. Es ermöglicht schließlich auch Menschen einen Theaterbesuch, die sich das normalerweise nicht unbedingt leisten können.

 

Die 20 Plätze pro Vorstellung sind übrigens heiß begehrt: Ein Blick auf die Theater-Homepage zeigt, dass bevorstehende Aufführungen fast alle stets ausgebucht sind. Wer also einen Besuch im „kleinsten Theater der Welt“ plant, sollte in jedem Fall vorher Plätze reservieren.

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Im Keller der Geschichte(n) – Literaturk
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"In vino veritas"
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"Ein flotter Faust"
Faust Weserkurier 28.7.2013.doc
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"Florentinische Nächte": Weserkurier 30.8.2012
Glühende Liebesbriefe an den Verleger.do
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"Der Literaturkeller": Radio Bremen 1 Bericht (mit freundlicher Genehmigung von Radio Bremen 2011)
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"Florentinische Nächte": Weserkurier 20.8.2012
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"Casanova": taz 21.7.2012
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"Der Literaturkeller": Syker Kreiszeitung vom 21.10.2011
Syker Kreiszeitung vom 21.10.2011.doc
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Weserkurier 8.8.2011
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"Venus im Pelz": Moskauer Deutsche Zeitung 2002
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„…Benedikt Vermeer ist ein urwüchsiges Talent, kann sprachlich und mimisch seine Zuhörer in höhere Sphären versetzen, sie schaudern lassen, köstlich amüsieren und auch schockieren. Eine großartige Leistung des Schauspielers, der alles auswendig rezitierte, spielte, es lebte…. Farbig und ausdrucksreich sein Mörike, köstlich Tucholsky, leidenschaftlich Hoffmann, bewegend Heine, bei Droste-Hülshoff geradezu unheimlich in der Rolle des dem Wahnsinn verfallenen Hitler…“ (Verdener Aller-Zeitung)

 „…außergewöhnlich das Schauspiel von Benedikt Vermeer… mit vollem Einsatz… rollenden Augen und großen Gesten. Vermeer überzeugte mit Komik und Dramatik…“ (Wümme-Zeitung)

„Gala Z ist eine große Künstlerin, die zu Recht in Moskau die Auszeichnung "Schauspielerin der Saison" erhielt und uns die ganze Bandbreite ihres Könnens und schauspielerischen Fühlens präsentiert..."(Moskauer Deutsche Zeitung)

"Gala Z spielt großartig, voller Zorn, Zärtlichkeit und Erotik. Ihr wandlungsreicher Sprachzauber geht zu Herzen, sorgt für angenehme Gänsehaut.." (Westfälische Nachrichten)

 …im verwinkelten Zwielicht zelebrierte Benedikt Vermeer als „Scrooge“ alle Abscheulichkeiten eines mürrischen Daseins. Er knurrte Befehle wie ein Kettenhund, ließ zynische Urteile wie glühende Lava zischen und wirkte wie ein in der Gasse auflauernder Meuchelmörder… Die Geister servieren ihm triste Einblicke in seine Zukunft, die den misanthropischen Eisblock zu einem Häufchen Elend schmelzen lassen…“ (Münstersche Zeitung)

 „…keine Frage: hier klopft das schlechte Gewissen aus den tiefsten Abgründen der menschlichen Seele an…bis der vom Verfolgungswahn Besessene Benedikt Vermeer (in Poes „Verräterischem Herz“) schließlich mit schmerzverzerrtem Gesicht sein Geständnis herausbrüllt. So markerschütternd, dass Zeugen das Blut in den Adern gefrieren könnte…“ (Münstersche Zeitung)

 „..und wenn Stimm-Chamäleon Vermeer bei Wilhelm Busch wie die Kasperle-Karikatur eines Erzählers unheilvoll im schummerigen Schein des Kerzenlüsters krächzt…“ (WN)

 „…erwies sich Vermeer mit seiner unnachahmlichen Mimik und Gestik als Könner seines Fachs…“ (RNZ)

 „Gerade bei Edgar Allan Poe bewies Vermeer die ganze Bandbreite seiner Schauspielkunst …“ (Weserkurier)

 „…Vermeer verstand es ausgesprochen wandlungsfähig, alle Charaktere der Feuerzangenbowle zu verkörpern…“ (RN, Wulfen)